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DIE HÄNDE - Schlüssel zur Verwurzelung im Tun und im Sein

Zwischen Zupacken und Freigeben

 

 

Unsere Hände sind Sinnesorgane, die uns, neben der Tatkraft, die in ihnen schlummert, sowohl bei unserer Orientierung im Aussenraum als auch beim Aussortieren unseres inneren Raumes unterstützen können. Durch die gewohnten, vom Tun geprägten Wahrnehmungsmuster ist unser Bewusstsein für die Hände in großem Maße auf Hand- und Fingerfertigkeiten beschränkt. Tatsächlich geben uns unsere Hände aber direkten Zugang zu unserem Nervensystem und seiner Konfiguration.

 

Die Mudras der Yogis sind Handgesten, die genutzt werden, um über äussere Ausdrucksformen, neue Erfahrungen und Zustände in unser Bewusstsein hinein zu prägen. Doch es steckt auch großes Befreiungs- und Verwirklichungspotential in der Bewusstwerdung des unbewusst erzeugten Ausdrucks unserer Hände und seiner Auflösung. Die Form und die Energie, die sich in der Hand ausdrücken, sind Ausdruck unserer Seinsweise und der Art und Weise, wie wir mit uns umgehen. 

 

Das Aktivitätsspektrum zwischen Tun und Sein ist ein spannendes Feld der Selbsterforschung und Selbst-Erkenntnis, bei dem die Hände ein beispielhaftes Beobachtungsobjekt sind. Die Möglichkeit zwischen Überaktivität, Verkrampfung und Arthrose einerseits, sowie Leblosigkeit und Taubheit andererseits, die dynamische Qualität von zellulärer Gegenwärtigkeit zu erleben, hilft uns dabei, unsere Hände als selbstregulierende Instanz für unsere Präsenz und Koordination zu nutzen.

 

Die Art und Weise, wie die Muskeln die Knochen in Bewegung setzen ist durch die innere Taktung unseres neuromuskulären Systems vorgegeben. Dabei spielen die Stressoren und die langjährigen Gewohnheiten, die durch die Geschichte des Umgangs mit unseren Händen entstanden sind eine entscheidende Rolle. Durch die bewusste Verkörperung unserer Hände kommen wir auch in Kontakt und nehmen Einfluss auf diese Dynamiken unseres vegetativen und autonomen Nervensystems. Deshalb steckt in den Händen eine befreiende Möglichkeit zu einem neuen Bewusstsein zu gelangen, dessen Art der Kontaktaufnahme sowie des Greifens und Begreifens von Grund auf verändert werden kann. Während die Handgriffe, die uns der Alltag abverlangt durch Bewusstheit zu mehr Virtuosität, Beschwerdefreiheit, Freude und Gegenwärtigkeit führen. 

 

Wie viele Stellen unseres Körpers besteht die Hand aus der zellulären Intelligenz der Knochen, Muskeln, Nerven und Haut - um nur einige Systeme zu nennen. Und wie überall unterstützen diese Gewebsschichten die Funktion, die die Hände im Tun und im Sein haben. Aktivitäten wie das Zeigen, sich Abstützen, Tragen, Zupacken, Waschen, Streichen, Winken und Schlagen kombinieren ein großes Spektrum an Fähigkeiten und Wirkrichtungen, in die die Hände aktiv sein können. Dabei gibt es Aktivitäten die mehr nach Außen wirken und solche, die nach Innen wirken. Solche die der Länge und Ausdehnung, beziehungsweise Öffnung der Hand bedürfen und jene, für die die Fähigkeit der Verkürzung, des Zupackens und Drückens wichtig sind.

 

Das Aussen kann als die Wirkrichtung des Tuns beschrieben werden, in die unser zentrifugales Handeln in die Welt hinein wirkt. Die Herausforderung liegt hierbei darin, im Versuch alles zu greifen und zu begreifen das Zentrum und uns selbst nicht zu verlieren und in gewohnheitsmäßiger Überaktivität herumzuirren. Das Innen ist in dieser Kosmologie die Wirkrichtung des Seins. Durch das zentripetale Freigeben in den Händen, das auch beim Kontrahieren möglich ist, wird Integration und entspannte Rückanbindung der Aufmerksamkeit sowie der Gliedmassen ermöglicht. Es ist eine Dimension, die bei der Ausführung von Tätigkeiten immer unterrepräsentiert ist. Je anstrengender oder stressvoller eine Aktivität, desto herausfordernder ist es, ihre Rückwirkung zuzulassen. Das Training dieser Dimension und Wirkrichtung bringt deshalb immer mehr Integration, Gleichgewicht und Koordination mit sich. Auf diese Weise kann eine gesunde Verwurzelung im Tun trainiert werden, die die Entwurzelung aus dem Sein immer mehr vermeidet. Um ein grundsätzliches Gefühl für den Unterschied des Verwurzelt-Seins in beiden Dimensionen zu erzielen ist es hilfreich die Grundunterscheidung zwischen Zupacken und Freigeben zwischen Greifen und Loslassen auf der mechanischen Ebene, sowie auf der Ebene unserer Aufmerksamkeit und Absicht immer besser zu spüren. So erhöht sich das Verständnis dafür welche, Bewusstseinsdynamiken, Einfluss auf den Zustand unserer Hände, sowie über die Hände auch auf die Arme, die Schultern, den Nacken und den Rücken haben.

 

Kräftige Hände zeichnen sich durch ein hohes Maß an Wachheit, Ausdrucks- und Tatkraft sowie Geschmeidigkeit aus. Sie sind in einem idealen Gleichgewicht zwischen Sensorik und Motorik verkörpert. Dadurch kann unser Sein in unser Wirken einfließen, genauso wie unser Tun, von unserem Sein informiert, getragen und inspiriert wird. Diese Art der Interaktion gibt uns sowohl im Tun, als auch in der Ruhe die Möglichkeit offene, wache, kraftvolle und verbundene Hände zu haben und gelenkschonenden kräftigen Ausdruck unseres Seins im Handeln zu finden. 

 

 

Anwendung Hände:

 

1. Komme in Kontakt mit Dir selbst in Deinen Händen und genieße die Form, Größe sowie die Lebendigkeit, die sich in Deinen Händen verkörpert.

 

2. Beginne in Kontakt mit den Knochen in Deinen Händen zu kommen. Alleine die Neugierde oder Suche danach hilft Dir einen anderen Zugang zu Deinen Handbewegungen einzuladen.

 

3. Lasse nun mit so wenig Anstrengung wie möglich Bewegungen Deiner Finger- und Handgelenke im Mikrobereich entstehen. Beginne zu beobachten, welche Art der Aufmerksamkeit durch diesen distanzierten Umgang mit Deinen Händen entsteht. Geniesse die Freiheit der Gelenkräume und deines Focus in diesem Bewegen. 

 

4. Erlaube Dir, während Du weiterhin auf aktive Kraftanstrengung verzichtest die Bewegungen Deiner Finger immer größer werden zu lassen, während Du ihre Wirkung über die Arme bis in den Rücken beobachtest.

 

 

5. Lass das Knochenbewusstsein, die Gelenkräume und Rückwirkung der Handbewegungen weiter zu während Du anfängst immer kraftvollere Handbewegungen, Griffe und Gesten, auszuführen. Geniesse wie Deine Bewegungen und Aufmerksamkeit kraftvoll und gleichzeitig frei von Druck sein können.

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